4.01.2007 - Der Traum eines ängstlichen Menschen
In dieser Geschichte ist der Feiglind Held und der Held Feigling. Unser Held hört auf den Namen Herb, fortan ist die Handhabung des Namens jedoch Held, denn der Autor glaubt verzweifelt daran, dass die Sternstunde eines jeden Menschen eine unentwegbare Natürlichkeit ist, wie etwa der Tod. So verhält es sich also, dass unser Protagonist gerade in der Straßenbahn verweilt, umgeben von erloschenen und glühenden Sternen. Ein Kritiker dieser Sternstunden Theorie ist ungefähr 3m entfernt von unserem Helden, dieser mustert gegenwärtig mit neugierigen Blicken die einsteigenden Menschen. Die Plätze rechts und gegenüber von ihm sind frei und mit einem kaum wahrnehmbaren nicken, signalisiert er einer hübschen jungen Frau die Bereitschaft sich doch bitte gegenüber zu setzen, unbemerkt dieser Geste geht sie an ihm vorbei. Ein Anflug von Panik macht sich auf seinem vernarbtem Gesicht breit und ein kurzer Blick nach rechts und links lässt erkennen, dass niemand sein gescheitertes werben zur Erheiterung missbraucht.
Doch gerade als er erleichtert seinen Tagtraum fortführen möchte, bemerkt er ein an ihn adressiertes Lächeln, es gehört einem stehenden Herren unweit von ihm, der Zwischenfall hat ihn demaskiert und verraten! Fortan wird dieser Moment in den Gedanken dieses herablassenden Menschen weiterleben. Unbedingt muss man dieser dreisten Kreatur die Stirn bieten. Der Blick unseres Helden wandert zurück zum Attentäter, aber wie nur soll er diesem Menschen begegnen. Verzweifelt sucht er nach einem passenden Verhalten und als er schon mit offenem Mund einen hundelaut erzeugen möchte, besinnt er sich auf die Einfachheit der Nächstenliebe. Er schliesst den Mund und füllt seinen Blick mit Liebreiz. Es vergehen einige Sekunden, und dieser Teufel, der diesen klaren Blick aufsaugt wie ein trockener Schwamm Wasser, schüttelt sich vor lachen.
Das Gesicht unseres Helden nimmt in diesem Moment einen Ausdruck der Einzigartigkeit an, ehe er sein Gesicht in seinen Handflächen vergräbt. Die Scham verkriecht sich nach Momenten wieder, aber diesesmal hat sie einen Partner, die Nächstenliebe. Lange träumte der Feigling, lange sehnte sich der Held. Die Straßenbahn steht plötzlich still und reisst unsere Hauptdarsteller aus ihren Überlegungen. Beide verlassen die Strassenbahn, viele Stationen vor dem jeweiligen Ziel. Summend geht der Lachende, mit einem abgebrochenen Flaschenhals der Held, der seiner Angst trotzen wird und seine Sternstunde erlebt.
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6.11.2006 - Dekrementa Hora (2)
Der Abgrund
Wenn es wenigstens der Grund wäre, auf den ich sinken würde.
Aber es ist immer nur einer dieser Felsvorsprünge auf denen man gerade soviel
Platz hat, um die Sitzlehnen in aufrechte Position zu bringen, während die Füße
über diesem schwarzen nichts baumeln.
Egal in welche Richtung mein Kopf sich bewegt, alles was ich
sehe ist glatter, farbloser Stein.
Die Arme hinter meinem Kopf verschränkt warte ich auf den
nächsten take-off. Die Sonne kommt und geht, sie quält dich nicht, sie leidet
mit dir.
In Gedanken gehst du durch Straßen und bist dir sicher, dass
du dieses Mal alles überwunden hast. Du spuckst den Leuten ins Gesicht, weil du
keine Angst mehr hast. Du streckst das Kreuz durch, weil es sich gut anfühlt.
Du hast den Kopf nicht gesenkt, dein Blick ist scharf und klar. Du bist undefeandiv. Du schläfst ein. Ich wache
auf, meinen Kopf gegen das aufgenähte Kissen des Flugzeugsitzes gelehnt. Du
zwinkerst mir zu, kickst mich vom Sockel.
Ich falle. Du hast versagt. Vielleicht ist fliegen das
schönste im Leben. Man weiß nie wo man landet, hast du Aufwind, verlängert sich
der Flug. Fremde Manöver sind selten, aber wenn dich jemand überholt, denkst du
länger dran. Die Zeit reicht nicht aus für Mimik geschweige denn Gestik. Dieser
Moment, indem sich Blicke treffen, ist wie zwei sich küssende Lippen.
Ob ich den kleiner
werdenden Passagier unter mir beneide? Missgunst und hohe Herzfrequenz
bündeln sich zu Sehnsucht. Sehnsucht macht normalerweise träge.
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6.11.2006 - Dekrementa Hora (1)
Der Dämon
Sicher freut es sie zu hören, dass ich nicht alleine durch mein Leben reise. Es
gibt einen Dämon der wie ein nasser Lappen an mir haftet. Und der sich mit der
letzten Klarheit meiner Gedanken und meiner Wärme in Ekstase versetzt. Ich sehe
ihn wenn ich meine Augen schließe. Ich will nicht, dass er so aussieht wie ich
und auf keinen Fall möchte ich seinen widerwärtig anmaßenden, zappeligen Tanz
sehen. Seine Augen leuchten sobald er merkt, dass ich ihn besuchen komme.
Manchmal weiß er bereits, dass ich ihn besuchen komme. Er empfängt mich mit
einer übertrieben ernsten Verbeugung und beginnt seinen wilden Tanz. Er wirft
dabei seinen Kopf in den Nacken und bewegt seine unglaublich langen
Extremitäten mit kontrollierter, graziöser Anmut und Schönheit. Wenn ich nicht
existieren würde, wäre er allein. So kommt es also, dass er mich betanzt in
seinem dunklen, kalten Kämmerchen. Bisher hatte ich nach wenigen Momenten genug
von diesem Tanz. Dennoch mag der Mensch Ereignisse mit wählbarem Ende, was ich
als Begründung für die andauernde Kontinuität meiner Visiten anführen möchte.
Allerdings ist das Interesse auf die Abstinenz der Klarheit und Wahrheit zu
lenken. Löst sich das moralische Pflichtempfinden, vorzugsweise ruckartig, von
der mündigen Halterung der Klarheit, dann nimmt der l`homme tristesse (pour
notre amis) jede Ablenkung entgegen, die einem Menschen seines Schlags gegeben
wird. Ich möchte alle folgenden Zirkelschlüsse im Voraus entschuldigen. Die
Ablenkung als solche möchte ich als geistige Instanz der idealen Sehnsucht
sehen, welche unzweifelhaft in der Macht des Entscheidens liegt. Da die höchste
Priorität meines Lebens in der Erkundung meiner Selbst liegt, sehe ich mich
bisweilen größer als ich bin. Auch wenn mein affektierter Reflex die Klarheit
trübt und mich in meinem sozialen Verhalten zu einem Krüppel macht.
Hervorzuheben ist also der Mensch, der das Abbild der wahrgenommenen Handlung
seines Lebens, als ein solches in seinem Verstand begreift. Das aber gerade
dieser Typus Mensch mit den undankbaren Tatmenschen einhergeht, lässt mich,
lieber Leser, jeden Tag untergehen.
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6.11.2006 - Dekrementa Hora (0)
Ich bin nervös. Meine Hände zittern seit zwei Tagen. Sie zittern wenn
ich laufe, sie zittern wenn ich stehe, sie zittern wen ich liege. Mein Puls
erhöht sich Tag für Tag um gefühlte 5 Schläge. Mein Körper reagiert immer
langsamer und unkonkreter auf meine Befehle. In immer kürzeren Abständen habe
ich das Gefühl, dass ein Dämon meinen Körper mit toxisch, kaltem Wasser
benetzt. Und ja ich friere.
Noch keine 5 Minuten sitze ich am Schreibtisch und doch habe ich schon
Intention und die tragend, führende Dramatik aus meinen Gedanken gestrichen.
Ich möchte aber versprechen, dass es sich lohnt etwas Interesse aufzubringen.
Ich möchte ein letztes Mal klar werden. Ich werde mich beeilen, überhaupt ist
es die schnelle der Gedanken die mich nicht in Ruhe lässt.
Jeder Mensch besitzt eine Identität. Sie ist Nachweis der Existenz, und
letztendlich ist es diese, welche Spuren hinterlässt. Die Identität eines jeden
Menschen auf der Welt ist Indikator für das tatsächliche Vermögen. Den sie
vermag es dem Menschen zu diktieren, ob er zu etwas nütze ist, oder ob er ein
Niemand ist. Der Schlüssel zu jeder Form von Größe liegt also darin die
Wahrnehmung des Individuums, in ein für eben jenes, begreifliches Höchstmaß zu
konvertieren. Aber ich möchte den Leser nicht weiter langweilen. Ich verbringe
also die größte Zeit meines Daseins hier in meinem Zimmer. Mein Zimmer ist
weder groß, noch ist es klein. Das Geschirr stapelt sich auf dem Schreibtisch
und auf dem schwarzen Tischchen, welches so wunderbar, nach dem
Urteilungsvermögen einer sehr alten Dame, zu dem beistehendem Sofa passt.
Außerdem liegt ein halber Laib Brot eingewickelt in Plastikfolie auf dem
Schreibtisch, gleich daneben sieht man eine Tube Senf, einen Aschenbecher, ein
Deutsch-Französisches Wörterbuch, Haarspray, einen Korkenzieher,
Vitamintabletten, verschiedene Bücher u.a. Dostojewskijs „Weiße Nächte“ ,
welches, meines Erachtens nach, mindestens einmal mit wutgesteuerter Hand
zusammengeknüllt wurde, sowie um der Aufzählung ein Ende zu machen eine Reihe
von Dokumenten mittlerer Wichtigkeit.
Ebenfalls auf dem Schreibtisch ist mittig ein Monitor platziert, der die
derzeitigen Gedanken meiner selbst abbildet. Wendet man den Blick ab, und
richtet diesen nach Norden aus, sieht man ein Bett mit hölzernem Gestell,
darauf liegend eine grün-blaue Decke mit farblich passenden Kissen. Die weiße
Matratze ragt am Kopfende des Betts, in Folge von mangelnder Sorgfalt beim
Beziehen des Leintuchs, oder wohl wahrscheinlicher; in Folge von gesteigerter
Aktivitäten während des Schlafens, heraus. Neige ich nun meinen Kopf weiter
nach links sehe ich den Schrank. Er ist wie das Bett hölzern, jedoch um es mit
den Worten eines fragil wirkenden Möbelverkäufer zu sagen, „state-of-the-art“.
Ich möchte mich nicht weiter in der Beschreibung des Raumes verlieren, hierzu
bleibt im übrigen auch noch genug Zeit.
Ich möchte aufbrechen, und ich möchte Sie bitten mir zu Folgen.
Ich verlasse das Haus, lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und gehe wie
ich glaube mit fast krankhaft durchgestrecktem Rücken die Straße hinab in die
Stadt. Ich schliesse die Augen und versuche mich anhand des Straßenbelags auf
der rechten Straßenseite zu orientieren. Ich gehe einige Minuten so. Manchmal
höre ich ein Auto, der Boden vibriert dann kurz. Es ist eine klare Nacht, mit
vielen Sternen und einem eher schwarzen als dunkelblauem Himmel. Ich versuche
mir ein Abbild des eben erst wahrgenommenen Nachthimmels beim verlassen des
Hauses vor mein geistiges Auge zu führen. Es dauert nicht lange und ich nehme
einen Nachthimmel mit einer absurden Anordnung der Sterne war, zum Spaß lasse
ich Sterne herabfallen, gegeneinanderprallen oder verschwinden. Ich bewege
meine Lippen und die darumliegende Mundpartie zu einem echtem lächeln. Der
Fahrtwind eines Bus` wirbelt die zur Straße gewandten Kopfhaare hoch und
durcheinander. Ich genieße es meine Haare auf meiner Nasenspitze zu spüren. Die
Beschaffenheit der Straße ändert sich, es ist Zeit meine Laufrichtung zu ändern.
Ich wende meinen Körper nach links öffne kurze Zeit meine Augen, sehe kein
Hindernis, und überquere die Straße. Ich verwerfe die Idee nochmals meine Augen
zu schließen. Ich erhöhe mein Schritttempo, fixiere mit starrem Blick eine
Leuchtreklame und ja ich summe.
Da der kluge Leser eine umittelbare Neugier auf meine Person entwickelt hat,
möchte ich bei der Identifizierung der Hauptperson gerne mit treibender Feder
vor wegstürmen. Mein Name ist Koljaa. Ich bin zu Jung um verbittert zu sein und
zu alt um glücklich zu sein. Wie es für Erscheinungen die einen ähnlichen
Werdegang genossen haben üblich ist, besuche ich eine Hochschule. Die
Hochschule liegt in einer Stadt die zu klein ist um sie auf einer Landkarte mit
einem Rechteck zu versehen und zu groß um sich einsam zu fühlen, was
insbesondere für mich jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Wie sie sehen sind
meine Gedanken von lauer Logik durchtränkt, ich entschuldige mich hierfür und
möchte wie schon so oft auf die Gegenwart verweisen. Ich habe die Leuchtreklame
vor einigen Minuten passiert und um dieses Mal die Wahrheit auszusprechen - bin
ich nur eine Runde um den Block gelaufen und befinde mich wieder in meinem
Raum.
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